Neue Studie zu Substratausgangsstoffen
Nachhaltigkeit braucht den Blick aufs Ganze
Wie nachhaltig ist ein Substrat eigentlich? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Eine neue Studie von Wageningen University & Research (WUR), die im Journal of Cleaner Production veröffentlicht wurde, liefert nun erstmals eine wissenschaftlich fundierte und europaweit vergleichbare Datengrundlage für die wichtigsten Ausgangsstoffe von Kultursubstraten. Die zentrale Erkenntnis: Es gibt nicht den einen Rohstoff, der in jeder Hinsicht die nachhaltigste Lösung darstellt. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Komponenten und Umweltwirkungen.
Für die Untersuchung wurden zwölf wichtige Substratausgangsstoffe sowie 30 typische Substratmischungen für sieben gartenbauliche Anwendungsbereiche betrachtet. Neben Torf flossen unter anderem Holzfasern, Kokosprodukte, Rinde, Grünkompost, Perlite und Mineralwolle in die Analyse ein. Dabei bewerteten die Forschenden nicht allein den Einfluss auf den Klimawandel, sondern betrachteten insgesamt 16 Umweltauswirkungen. Dazu gehören beispielsweise Versauerung, Überdüngung/Nährstoffanreicherung, Feinstaubbelastung, Landübernutzung sowie der Verbrauch von Wasser und weiteren Ressourcen.
Gerade dieser umfassende Ansatz führt zu interessanten Ergebnissen. Holzfasern und Perlite weisen in der Studie beispielsweise einen vergleichsweise niedrigen Klimaeffekt auf. Bei Torf fallen die CO₂-Emissionen höher aus, insbesondere durch die angenommene vollständige Freisetzung des enthaltenen Kohlenstoffs während der Nutzungsphase. Wird jedoch nicht nur auf den Klimawandel, sondern auf die gesamte Umweltwirkung geschaut, verändert sich das Bild teilweise deutlich. Kokosbasierte Ausgangsstoffe schneiden beim Klimaeffekt wesentlich günstiger ab als Torf, weisen in anderen Kategorien jedoch höhere Belastungen auf. Die Studie macht damit deutlich, wie unterschiedlich Umweltauswirkungen von Kategorie zu Kategorie ausfallen können.
Auch Grünkompost zeigt, wie wichtig eine differenzierte Betrachtung ist. Als Ausgangsstoff aus organischen Reststoffen gilt er auf den ersten Blick als besonders nachhaltige Lösung. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass beispielsweise das Kompostierungsverfahren, der Energieeinsatz und entstehende Emissionen erheblichen Einfluss auf seine Umweltbilanz haben können. Gleichzeitig weisen die Forschenden ausdrücklich darauf hin, dass die Datengrundlage für Grünkompost noch mit großen Unsicherheiten verbunden ist und weiter verbessert werden muss.
Besonders relevant für unsere Branche ist der Blick auf komplette Substratmischungen. Die Ergebnisse zeigen, dass durch eine gezielte Rezepturgestaltung in verschiedenen Anwendungsbereichen deutliche Einsparungen beim CO₂-Fußabdruck möglich sind. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine Mischung mit geringerem Klimaeffekt nicht automatisch auch bei allen anderen Umweltindikatoren besser abschneidet. Genau deshalb sprechen sich die Autoren dafür aus, Substrate künftig noch stärker ganzheitlich und anwendungsbezogen zu bewerten.
Denn am Ende zählt nicht allein die Umweltbilanz eines einzelnen Ausgangsstoffs. Ebenso wichtig ist, wie gut ein Substrat in der jeweiligen Kultur funktioniert. Wenn ein vermeintlich nachhaltigerer Rohstoff beispielsweise zu geringerem Pflanzenwachstum oder zu einem höheren Bedarf an Wasser, Dünger oder Energie führt, kann sich die Gesamtbilanz der Pflanzenproduktion verschlechtern. Die nächste wichtige Forschungsstufe ist daher die Anwendungsebene: Welches Substrat ist am besten geeignet, um einen bestimmten Ertrag zu erzielen, wie effizient werden Wasser und Nährstoffe genutzt und welche Auswirkungen ergeben sich über den gesamten Kulturverlauf?
Für die Substratbranche liefert die Studie damit eine wichtige neue Grundlage. Sie bestätigt, dass Nachhaltigkeit nicht mit dem einfachen Austausch eines einzelnen Ausgangsstoffs erreicht werden kann. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche Rohstoffe intelligent miteinander zu kombinieren, ihre jeweiligen Stärken zu nutzen und die Umweltwirkungen ebenso im Blick zu behalten wie die gartenbauliche Leistungsfähigkeit.
Oder anders gesagt: Bei nachhaltigen Substraten gibt es selten Schwarz oder Weiß. Die beste Lösung entsteht dort, wo Umweltwirkung und Pflanzenwachstum gemeinsam betrachtet werden.
Hier geht’s zur Studie: Life cycle assessment of growing media: a baseline dataset for European horticulture – ScienceDirect
