Karriere

22.11.2017
Kim Karotki

Unse­re Aus­zu­bil­den­den machen Thea­ter

Schau­spiel­work­shop in Groß Hese­pe

Von Diens­tag bis Don­ners­tag hat­ten unse­re Aus­zu­bil­den­den Zeit, bei ihrem Thea­ter­work­shop ein Stück zu erar­bei­ten. Denn am Frei­tag muss­ten sie bereits ihre Pre­mie­re im neu­en Vor­trags­raum in Groß Hese­pe geben.

Stamp­fend, mit gel­ben Gum­mi­stie­feln an den Füßen, betre­ten unse­re Aus­zu­bil­den­den in einer Kara­wa­ne die Büh­ne. Sie bil­den einen Kreis, dem Publi­kum ist wahl­wei­se die Sei­te oder der Rücken zuge­wandt. Dem Publi­kum wird ver­mit­telt: Hier gibt es eine Gemein­schaft, eine Ver­traut­heit unter den Thea­ter­spie­len­den. Rhyth­misch bewe­gen sie sich zu dem ein­ge­spiel­ten Song von Nan­cy Sina­tra „The­se boots are made for wal­kin‘“, bis die­ser abrupt stoppt und die Aus­zu­bil­den­den flu­chend aus­ein­an­der­stie­ben.

Die Gum­mi­stie­fel zie­hen sich wie ein roter Faden durch das Stück. Ob als „Tele­por­ta­ti­ons­schuh“ beim Golf­spie­len, als „Vaso­mat“ für Zim­mer­pflan­zen oder als „Mul­ti­tool“ auf einem Fes­ti­val ‑ unse­re Aus­zu­bil­den­den stell­ten unter Beweis, wie viel­sei­tig ein gel­bes Paar Gum­mi­stie­fel sein kann und bewar­ben es auf cle­ve­re, wit­zi­ge und iro­ni­sche Wei­se. So kann das Mul­ti­tool Geträn­ke küh­len, Essen erhit­zen oder die Füße im Gegen­satz zu Flip­flops ‑ wer hät­te es gedacht? ‑ vor Regen schüt­zen. „Mul­ti­tool ‑ und dein Bier ist immer cool“, „Mul­ti­tool ‑ und dei­ne Füße sind nie mehr cool“ oder „Mul­ti­tool ‑ und du bist immer cool“ preis­ten die Aus­zu­bil­den­den die­sen Wun­der­schuh süf­fi­sant lächelnd an.

Mit einem die klas­si­schen Kli­schees der Haus­frau­en­wer­bung per­si­flie­ren­den Spot begeis­ter­ten unse­re Aus­zu­bil­den­den ihr Publi­kum für den „Vaso­mat 300 +“. Die Rol­le der Ver­zwei­feln­den spiel­te Lore­na Ahrens. Ihre Pflan­ze ist ihr mal wie­der ein­ge­gan­gen, gab sie betre­ten mie­se­petrig zum Bes­ten. Aber die fesche Freun­din (Sabri­na Wal­ker) weiß natür­lich Rat: „Ich hab da was für dich: den Vaso­mat!“ Den pla­ka­tiv-ein­gän­gi­gen Slo­gan „Ist sie rot, ist die Pflan­ze in Not. Ist sie grün, wird sie blüh’n“, wie­der­hol­ten nach dem Stück noch vie­le Zuschau­er mit schal­len­dem Geläch­ter.

Nur Stie­fel?

Zwi­schen den Zei­len wur­de auch deut­lich, dass die Stie­fel für mehr ste­hen. Denn als Aus­zu­bil­den­der erlebt man vie­les zum ers­ten Mal: Da drückt viel­leicht ein­mal der Schuh, man steht recht wacke­lig auf den Bei­nen oder viel­leicht zieht es einem auch ver­ein­zelt den Boden unter den Füßen weg. Und dann gibt es die­se Tage, an denen man fit ist wie ein Turn­schuh und es läuft.

Das konn­te man auch von die­ser Auf­füh­rung behaup­ten. Unse­ren Aus­zu­bil­den­den war am Ende ihres Stü­ckes der Applaus sicher, die Zuschau­er hat­ten sich köst­lich amü­siert. Die jun­gen Talen­te begeis­ter­ten nicht nur durch ihre Leis­tung, inner­halb von nur zwei Tagen ein Stück ent­wi­ckelt zu haben. Sie über­zeug­ten durch ihren aus­drucks­star­ken Ein­satz von Kör­per, Stim­me und Ton, ihren Witz und ihren Sinn für die Per­si­fla­ge.

Die Aus­zu­bil­den­den haben wirk­lich alles selbst gemacht“, erzähl­te Thea­ter­päd­ago­gin Lia­ne Kirch­hoff von der Thea­ter­päd­ago­gi­schen werk­statt gGmbH in Osna­brück im Anschluss an das Stück. „Tex­te, Dra­ma­tur­gie ‑ wir haben nur gelenkt und ihnen das Hand­werks­zeug ver­mit­telt.“ Basics des Thea­ter­spie­lens, ästhe­ti­sche Gestal­tungs­mit­te, der Ein­satz von Kör­per, Atem und Stim­me und das Ent­wi­ckeln von Figu­ren sind nur eini­ge der Pro­gramm­punk­te, wel­che die bei­den Thea­ter­päd­ago­gen Lia­ne Kirch­hoff und Micha­el Wal­ter Schroth den Aus­zu­bil­den­den näher gebracht haben. „Das in der kur­zen Zeit auf die Bei­ne zu stel­len, war schon eine Leis­tung.“

Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung

Im Gespräch mit unse­rer Redak­ti­on ver­rie­ten die Teil­neh­mer des Work­shops, dass die vier Thea­ter­ta­ge wirk­lich for­dernd waren. „Es hat total viel Spaß gemacht, aber abends war man rich­tig platt“, erzählt Jakob Schoofs. „Ich den­ke, das lag dar­an, dass man unglaub­lich viel zu ver­ar­bei­ten hat­te.“ Der Stu­dent der Wirt­schafts­in­for­ma­tik ist vor allem begeis­tert von den Thea­ter­übun­gen: Impro­vi­sa­ti­on, Kon­zen­tra­ti­on und auf den ande­ren zu ach­ten ‑ Haben wir Blick­kon­takt? Was sagt mir die Kör­per­hal­tung mei­nes Gegen­übers? ‑ das sei auch nütz­lich im All­tag.

Auch Sabri­na Wal­ker sieht Anknüp­fungs­punk­te für den All­tag: „Zum Bei­spiel die Wir­kung mei­nes Auf­tre­tens auf ande­re ‑ dafür habe ich jetzt ein ganz and­res Gespür bekom­men.“ Zudem sei der Work­shop eine gute Gele­gen­heit gewe­sen, um auch die Aus­zu­bil­den­den an dem jeweils ande­ren Stand­ort ken­nen­zu­ler­nen. „Die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen hat der ers­te Tag mit sich gebracht. Wir soll­ten auf Kom­man­do lachen, wei­nen, schrei­en oder auch wütend sein und das vor Per­so­nen, die ich teil­wei­se noch nie getrof­fen habe. Nach­dem wir uns dann alle ken­nen­ge­lernt haben, waren die ande­ren Tage gleich leich­ter zu meis­tern. Man wur­de selbst­be­wuss­ter und alle haben sich ein­ge­bracht.“

Unse­re Aus­bil­dungs­lei­te­rin Andrea Bruns erklärt, auf wel­cher Grund­la­ge der Thea­ter­work­shop als Bestand­teil der Aus­bil­dung geplant wur­de: „Aus­bil­dung ist nicht nur das Ver­mit­teln von Fach­wis­sen, son­dern auch Per­sön­lich­keits­bil­dung. Der Out­put kön­ne sich sehen las­sen, fin­det sie: „Wäh­rend des Work­shops haben sich die Aus­zu­bil­den­den unter­ein­an­der gut ken­nen­ge­lernt und sind zu einem Team zusam­men­ge­wach­sen ‑ über Aus­bil­dungs­be­ru­fe und Stand­or­te hin­weg. Sie haben mit­ein­an­der Sze­nen erar­bei­tet, die sie am letz­ten Tag auf der Büh­ne einem grö­ße­ren Publi­kum prä­sen­tiert haben. Dabei waren sie krea­tiv, haben inten­siv mit­ein­an­der um das Ergeb­nis gerun­gen und Durch­hal­te­ver­mö­gen gezeigt. Nicht zuletzt haben sie gemein­sam Erfolg erlebt und kön­nen stolz sein auf das Gezeig­te ‑ eine gute Grund­la­ge für das eige­ne Selbst­ver­trau­en.“