Nachhaltigkeit

15.02.2016
Kim Karotki

Was ist eigent­lich eine Kur­zum­triebs­plan­ta­ge?

Im Gespräch mit Micha­el Die­kamp

Kur­zum­triebs­plan­ta­gen (KUP) zum Anbau nach­wach­sen­der Roh­stof­fe sind ein wich­ti­ger Bau­stein unse­rer Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie. In Gees­te betrei­ben wir auf einer Test­flä­che eine KUP, mit deren Ener­gie­holz das Werk Nord in Sedels­berg betrie­ben wird. In Litau­en bewirt­schaf­ten wir mitt­ler­wei­le gro­ße Flä­chen, um eine nach­hal­ti­ge Ener­gie­quel­le bereit­zu­stel­len. Aber war­um sind Kur­zum­triebs­plan­ta­gen über­haupt kli­ma­freund­lich und wel­che Aus­wir­kun­gen haben KUP auf die Bio­di­ver­si­tät und den Boden­schutz? Die­se und wei­te­re wich­ti­ge Fra­gen zum The­men­kom­plex beant­wor­te­te mir Micha­el Die­kamp, der bei uns für die Berei­che Forst, KUP und Nach­wach­sen­de Roh­stof­fe zustän­dig ist.

Kim Karotki: Was ist eigent­lich eine Kur­zum­triebs­plan­ta­ge (KUP)?

Micha­el Die­kamp: Eine Kur­zum­triebs­plan­ta­ge ist eine Schnitt­stel­le zwi­schen Land- und Forst­wirt­schaft, die ihre Vor­läu­fer in der tra­di­tio­nel­len Nie­der­wald­be­wirt­schaf­tung hat. Kon­kret heißt das, dass auf einer land­wirt­schaft­li­chen Flä­che Baum­plan­ta­gen ange­legt wer­den, um inner­halb einer kur­zen Umtriebs­zeit Ener­gie­holz zu gewin­nen. Die Umtriebs­zeit bezeich­net den Zeit­raum von der Anla­ge der Plan­ta­ge bis zur Ern­te, dem soge­nann­ten Holz­ein­schlag. Im Ver­gleich zum Wald ist die Umtriebs­zeit bei einer KUP wesent­lich kür­zer. In einem Wald geht man von einer Umtriebs­zeit von min­des­tens 100 Jah­ren aus, bei einer Kur­zum­triebs­plan­ta­ge sind es im Durch­schnitt ledig­lich drei Jah­re. In der Land­wirt­schaft beträgt der Zeit­raum von der Saat bis zur Ern­te unter einem Jahr. Eine KUP kann nach heu­ti­gen Erkennt­nis­sen 20 Jah­re, also etwa sie­ben Ern­te­zy­klen lang, bewirt­schaf­tet wer­den.

Kim Karotki: Wel­che Baum­ar­ten eig­nen sich beson­ders für die Bewirt­schaf­tung einer KUP?

Micha­el Die­kamp: Grund­sätz­lich ist jedes Holz ein Ener­gie­trä­ger. Um sich für den Ein­satz auf einer Kur­zum­triebs­plan­ta­ge zu eig­nen, müs­sen die Baum­ar­ten jedoch bestimm­te Kri­te­ri­en erfül­len. Einer­seits soll­ten sie schnell wach­sen, um inner­halb kur­zer Zeit einen mög­lichst hohen Ertrag zu brin­gen. Ande­rer­seits kommt es auf die Stock­aus­schlag­fä­hig­keit an. Als Stock bezeich­net man den ver­blei­ben­den Stumpf eines Bau­mes oder Strau­ches, nach­dem die ober­ir­di­schen Pflan­zen­tei­le abge­ern­tet wur­den. Die Stock­aus­schlag­fä­hig­keit beschreibt die Rege­ne­ra­ti­ons­kraft eines Bau­mes, also sei­ne Fähig­keit, erneut aus­zu­trei­ben. Die Kom­bi­na­ti­on aus schnel­lem Wachs­tum und guter Stock­aus­schlag­fä­hig­keit erfül­len vor allem Wei­den und Pap­peln. Des­we­gen eig­nen sich die­se bei­den Arten sehr gut für Kur­zum­triebs­plan­ta­gen.

Kim Karotki: Seit wann und an wel­chen Stand­or­ten bewirt­schaf­tet Klasmann-Deilmann Kur­zum­triebs­plan­ta­gen?

Micha­el Die­kamp: In Deutsch­land begann Klasmann-Deilmann im Jahr 2009 die ers­te Kur­zum­triebs­plan­ta­ge auf einer Flä­che von 20 Hekt­ar anzu­le­gen, was knapp 30 Fuß­ball­fel­dern ent­spricht. Seit­her wird im ems­län­di­schen Schö­ninghsdorf regel­mä­ßig geern­tet: Das geschla­ge­ne Holz wird zu Holz­hack­schnit­zeln ver­ar­bei­tet, die zur Befeue­rung der Holz­hack­schnit­zel­hei­zung am Stand­ort Sedels­berg bei­tra­gen. Die Holz­hack­schnit­zel­hei­zung ver­sorgt das kom­plet­te Werk mit Wär­me und macht es so aut­ark. In Litau­en läuft der­zeit die ers­te Ern­te auf einer KUP. In der Regi­on Silute/Taurage sind auf einer Net­to­flä­che von 1.500 Hekt­ar Wei­den gepflanzt wor­den, für die sich die kli­ma­ti­schen Ver­hält­nis­se im Bal­ti­kum her­vor­ra­gend eig­nen. Bis zum Jahr 2016 sol­len die für KUP vor­ge­se­he­nen Flä­chen auf ins­ge­samt 3.000 Hekt­ar erwei­tert wer­den.

kup_2_150216Kim Karotki: War­um ist eine Kur­zum­triebs­plan­ta­ge nach­hal­tig?

Micha­el Die­kamp: KUP-Holz ist ein CO2-neu­tra­ler Brenn­stoff – und des­we­gen eine wich­ti­ge Ener­gie­quel­le der Zukunft. Die Kli­ma­kon­fe­renz in Paris hat gezeigt, dass die Nut­zung fos­si­ler Ener­gie­trä­ger kei­ne Zukunft mehr hat. KUP-Holz ist der effi­zi­en­tes­te Ener­gie­trä­ger im Bereich der nach­wach­sen­den Roh­stof­fe. Das zeigt sich deut­lich am CO2-Fuß­ab­druck: Bei kei­nem ver­gleich­ba­ren nach­wach­sen­den Roh­stoff ist der Ener­gie­in­put im Ver­hält­nis zum Out­put so nied­rig.

Kim Karotki: Wel­che Aus­wir­kun­gen hat eine Kur­zum­triebs­plan­ta­ge auf Bio­di­ver­si­tät und Umwelt?

Micha­el Die­kamp: Eine KUP bedeu­tet im Ver­gleich zur Land­wirt­schaft eine wesent­lich exten­si­ve­re Form der Bewirt­schaf­tung. Wäh­rend eine land­wirt­schaft­li­che Flä­che jedes Jahr gepflügt, geeggt und gedüngt wer­den muss und jedes Jahr Her­bi­zi­de und Pes­ti­zi­de aus­ge­bracht wer­den, ist das bei einer KUP nur ein­mal in 20 Jah­ren nötig. Wir ver­zich­ten sogar kom­plett auf Her­bi­zi­de und Pes­ti­zi­de und ent­fer­nen das Unkraut mecha­nisch. Aus Sicht des Boden­schut­zes bringt das erheb­li­che Vor­tei­le mit sich: Das Boden­ge­fü­ge ver­bes­sert sich und Humus rei­chert sich im Boden an. Auch die Bio­di­ver­si­tät und im wei­te­ren Sin­ne der Umwelt­schutz pro­fi­tie­ren, wenn man KUP mit her­kömm­li­chen Acker­flä­chen ver­gleicht.

Kim Karotki: Wie viel Ener­gie lässt sich mit einer KUP erwirt­schaf­ten?

Micha­el Die­kamp: Wenn wir von einer bewirt­schaf­te­ten Flä­che von 1.000 Hekt­ar aus­ge­hen, auf der alle drei Jah­re geern­tet wird, dann kom­men dabei 48.000 Ton­nen Ener­gie­holz her­aus. Neh­men wir den Ener­gie­ge­halt von Pap­peln als Grund­la­ge, hat die Ern­te einen Ener­gie­ge­halt von rund 104.000 Mega­watt­stun­den. Das wie­der­um ent­spricht dem jähr­li­chen Ener­gie­be­darf von knapp 21.000 Vier-Per­so­nen-Haus­hal­ten.

Kim Karotki: War­um gibt es in Deutsch­land rela­tiv weni­ge Kur­zum­triebs­plan­ta­gen? kup_3_150216

Micha­el Die­kamp: Das hat vor allem wirt­schaft­li­che Grün­de. In den Gebie­ten, in denen viel Land­wirt­schaft betrie­ben wird, sind die Flä­chen­prei­se hoch. Hin­zu kom­men die zuletzt his­to­risch nied­ri­gen Prei­se für fos­si­le Brenn­stof­fe wie Öl und Gas und die ver­gleichs­wei­se gerin­ge Nach­fra­ge nach Wär­me­en­er­gie, weil in den bei­den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Win­ter aus­ge­be­lie­ben sind. Da das Kapi­tal bei einer KUP außer­dem lan­ge gebun­den ist, erscheint die­se Form der Ener­gie­ge­win­nung betriebs­wirt­schaft­lich betrach­tet der­zeit als wenig attrak­tiv – obwohl sie sehr umwelt- und kli­ma­freund­lich ist. In Deutsch­land gibt es zudem eine gewis­se Grund­skep­sis gegen­über nach­wach­sen­den Roh­stof­fen als Ener­gie­trä­ger, die auf die Dis­kus­si­on um Ener­gie­mais – Stich­wort: Tel­ler statt Tank – zurück­zu­füh­ren ist.

Kim Karotki: Wes­halb sind Kur­zum­triebs­plan­ta­gen im Bal­ti­kum wesent­lich wei­ter ver­brei­tet?

Micha­el Die­kamp: Im Bal­ti­kum gibt es einen star­ken poli­ti­schen Wil­len, sich von aus­län­di­schen Ener­gie­quel­len unab­hän­gig zu machen. Atom­ener­gie ist gesell­schaft­lich nur sehr schwer durch­setz­bar. Hin­zu kommt, dass es ein funk­tio­nie­ren­des Nah­wär­me­netz gibt und die Flä­chen­prei­se rela­tiv gering sind. Die­se Grün­de in Kom­bi­na­ti­on mit den Vor­tei­len Nach­hal­tig­keit und Kli­ma­freund­lich­keit machen KUP im Bal­ti­kum zu einer sehr attrak­ti­ven und ange­se­he­nen Form der Ener­gie­er­zeu­gung.